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Ziele der Initiative

 

Forderung

In den Diskussionen und offiziellen Verlautbarungen zum Thema "Umgestaltung der Studiengänge im Rahmen des Bologna-Prozesses" besteht weitgehend Konsens hinsichtlich der Bedeutung von Schlüsselqualifikationen für berufliche Kompetenz. Dafür sind in den geplanten konsekutiven Studiengängen ausgewiesene Leistungspunkte vorgesehen (Einführung des Systems der ECTS zur Anrechnung, Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen: HRG-Novelle von 2003, §15. HRK 2004, Entschließung des 98. Senats vom 10. Februar 2004).

Neben Kooperations-, Team- und Konfliktfähigkeit gilt kommunikative Kompetenz und damit das Hauptziel sprechwissenschaftlicher und sprecherzieherischer Lehre als vorrangig. Störungsfreies sach- und sozialbezogenes sprechsprachliches Kommunikationsvermögen ist zweifellos eine Grundkompetenz im Lehrerberuf. Zudem müssen Lehrer/innen befähigt werden, die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz umzusetzen. Diese Bildungsstandards fordern u. a. die Ausbildung und Schulung der mündlichen Kompetenz aller Schüler/innen.

Die Anbahnung lebenslanger stimmlicher Berufsfähigkeit, der Fähigkeit zu situationsadäquatem hörerbezogenem Sprechen, Vorlesen und Vortragen, zu sachbezogener partnerorientierter Gesprächsführung, zu Rede- und Gesprächsfähigkeit künftiger Lehrer i. w. S. sowie der Fähigkeit, diese Grundkompetenzen vermitteln zu können, bedarf der Erweiterung sprecherzieherischer Ausbildung. Als Mindestforderung muss gelten:

  1. Alle Lehramtsanwärter/-innen erhalten in Gruppen von 10 bis maximal 15 Studierenden künftig mindestens drei SWS Sprecherziehung (entsprechend zugeordnete Leistungspunkte):
    • Sprechstimmtraining und Sprechbildung mit den Zielen berufsadäquater stimmlicher Leistungsfähigkeit und sprachlicher Vorbildwirkung
    • Gesprächs- und Rederhetorik für die wirksame didaktisch-methodische Gestaltung mündlicher Kommunikationsprozesse.
  2. Künftige Deutschlehrer/-innen erhalten zusätzlich 1 SWS Dichtungssprechen (entsprechend zugeordnete Leistungspunkte) als Beitrag zur schöpferischen Dichtungsvermittlung und -aneignung.
  3. Studienbewerber werden zu Beginn ihres Studiums hinsichtlich ihrer stimmlich-sprecherischen Eignung für den Lehrerberuf individuell und fachgerecht beraten, um stimmliche, sprecherische und sprachliche Defizite frühzeitig erkennen und notwendige therapeutische Maßnahmen zielgerichtet einleiten zu können.

Begründung

Die Grundlagendokumente und Diskussionen zur Umsetzung des Bologna-Prozesses fordern nachdrücklich eine angemessene Ausbildung allgemeiner (ASQ) und fachspezifischer Schlüsselqualifikationen (FSQ) für alle Studierenden konsekutiver Studiengänge. Im Teilbereich "Sprechen und Zuhören" (Fach Deutsch) formuliert die Kultusministerkonferenz differenzierte Bildungsstandards bezüglich der Ausbildung sprechsprachlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Schule und benennt damit gleichzeitig klare Forderungen an die Lehramtsausbildung. Für den Lehrerberuf stellt stimmliche und sprecherische Berufsfähigkeit ohne Zweifel sowohl eine allgemeine als auch eine fachspezifische Schlüsselqualifikation dar. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen (s. Literaturliste) belegen hingegen, dass Lehrer/-innen ihre Berufstätigkeit ohne oder mit nur unzureichender stimmlich-sprecherischer Beratung und Ausbildung beginnen, obwohl sie auf Grund der Spezifik ihres Berufes eine besondere Verantwortung tragen und hohen stimmlichen Anforderungen genügen müssen:

  1. Lehrer unterliegen lebenslang einer außergewöhnlich hohen stimmlichen Belastung – sowohl hinsichtlich des zeitlichen Umfangs als auch der häufig ungünstigen akustischen Bedingungen (Raumverhältnisse, Lehrsituation, Lärmbelastung usw.). Hinzu kommen die vergleichsweise hohen psychischen Belastungen im Schulalltag.
  2. Wirkungsvolle situations- und hörerbezogene, sprecherische Äußerungen erleichtern den Verstehens- und Behaltensprozess, können sich positiv auf die Lernatmosphäre auswirken, Schüler motivieren und aktivieren. Künftige Lehrer sollten die Gelegenheit erhalten, konfliktverhindernde Gesprächsstrategien zu erlernen und zu trainieren, und sie sollten ihre Stimme und Sprechweise so steuern lernen, dass sie auch in angespannten Situationen beabsichtigte Wirkungen erzielen, sich Stimme und Sprechweise nicht zusätzlich konfliktfördernd auswirken.
  3. Stimme und Sprechweise von Pädagogen wirken sich auf die stimmliche und sprecherische Entwicklung von Kindern aus. Lehrer/-innen beeinflussen sprachliche und sprecherische Normvorstellungen, Verhaltensmuster und Entwicklungen, denn sie verkörpern kommunikative Vorbilder, an denen sich Schüler in gewissem Maße orientieren. Lehrer/-innen wirken daher immer, bewusst oder unbewusst, als Multiplikatoren.
  4. Im günstigsten Fall sind für Lehramtsanwärter 2 SWS bei nicht begrenzter Teilnehmerzahl obligatorisch festgelegt. Häufig steht nur 1 SWS zu Verfügung, um künftigen Lehrern Grundkenntnisse über eben jene, auch ihre dauerhafte Berufsfähigkeit bedingende, kommunikative Kompetenzen zu vermitteln und sie zu trainieren, wobei Letzteres in einem derart engen Zeitlimit kaum zu leisten ist. Lehrer gehen teilweise mit erheblichen, den Beruf gefährdenden Stimm- und Sprechproblemen in den Schulalltag.
  5. Stimmliche und sprecherische Beeinträchtigungen (ungenügende stimmliche Leistungsfähigkeit, sprachliche und sprecherische Auffälligkeiten bzw. Störungen) nehmen zu. Eine eigene aktuelle Studie über stimmliche und sprecherische Auffälligkeiten 5357 Lehramtsstudierender in zehn Bundesländern ergab z. B., dass nahezu 40 % stimmlich auffällig sind. Etwa ein Fünftel aller Stimmen ist ungenügend belastbar. Rund 15 % aller Lehramtsanwärter mussten auf Grund funktioneller (in Einzelfällen auch organischer) Stimmstörungen phoniatrisch untersucht und therapiert werden. Selbst wenn die stimmlichen Auffälligkeiten noch keinen Krankheitswert besitzen, stellen sie im sprechintensiven Beruf eine deutliche Gefahr dar und können ohne Zusatzbetreuung nicht behoben werden. Stimmstörungen bis hin zur Berufsunfähigkeit sind vorprogrammiert. Dass dies erhebliche Belastungen für die Betroffenen bringt, muss nicht besonders betont werden.
    Aktualisierung zu Punkt 5. (16.01.2007)
    Lehramtsstudierende, deren stimmlich-sprecherische Eignung für den Beruf vor Studienbeginn phoniatrisch untersucht wurde (3380 Probanden), zeigten in den Bereichen Atmung und Stimme weniger Auffälligkeiten als Studierende, deren Eignung nicht fachärztlich untersucht wurde (5357 Probanden). Bei den Stimmstörungen mit unmittelbarem Therapiebedarf waren die Unterschiede signifikant: Von den Studierenden ohne Tauglichkeitsuntersuchung hatten 15 % eine Stimmstörung, von den Studierenden mit Tauglichkeitsuntersuchung lediglich 2,5 %.
  6. Permanente stimmliche Beschwerden führen zwangsläufig auch zu Ausfallzeiten. Lehrstoff wird nicht bewältigt, betroffene Schüler erfahren damit gegenüber anderen Benachteiligungen. Neben den Kosten für die Ausfallzeiten fallen außerdem u. U. erhebliche Behandlungskosten an. Spätestens hier sollte klar werden, dass mit den derzeit geltenden Regelungen möglicherweise an falscher Stelle gespart wird.
  7. In der Lese-, Rede- und Gesprächsfähigkeit künftiger Lehrer zeigten sich ebenfalls deutliche Defizite: Über ein Viertel der künftigen Lehrer war nicht in der Lage, einen Text so vorzulesen, dass Hörer – künftig also Schüler – zum Zuhören angeregt werden und mühelos folgen können. Fast die Hälfte der untersuchten Studierenden war nicht fähig, eine freie Rede nach Stichwortkonzept zu halten, also folgerichtig gegliedert, inhaltlich, sprachlich und sprecherisch gut verständlich. Allein ein Fünftel aller künftigen Lehrer/-innen sprachen in Übungen zum Lehrervortrag ohne Hörer- und Situationsbezug.

Unter den beschriebenen Bedingungen können Lehramtsanwärter/-innen nicht zukunftsorientiert und bildungspolitisch verantwortlich auf ihren Beruf vorbereitet werden. Welch fatale Folgen die unzulängliche Ausbildung von Grundfertigkeiten auf Dauer zeitigt, veranschaulichen u. a. die Ergebnisse der PISA-Studie bezüglich der Lese- und Redefähigkeit.

Unterzeichnende

Gesellschaft / Verband Unterzeichnende Funktion
Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) e. V. Dr. Marita Pabst-Weinschenk, Universität Düsseldorf 1. Vorsitzende
Landesverband Rheinland/Pfalz/Saarland der DGSS e. V. Kirstin Gerau, Speyer 1. Vorsitzende
Berufsverband Sprechen e. V. (BVS Baden-Württemberg) als Landesverband der DGSS e. V. Roland W. Wagner, Pädagogische Hochschule Heidelberg Vorsitzender
Berufsverband der Sprech- und Rhetoriklehrer in Berlin-Brandenburg (BVSR) e. V. Eberhard Wittig 1. Vorsitzender
Deutscher Bundesverband Klinischer Sprechwissenschaftler (DBKS) e. V. Dr. phil. Susanne Voigt-Zimmermann, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1. Vorsitzende
Professur für Sprechwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena Prof. Dr. Adrian Simpson, Friedrich-Schiller-Univerisät Jena Lehrstuhl für Sprechwissenschaft
Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Prof. Dr. Ursula Hirschfeld, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Institutsdirektorin
Mitteldeutscher Verband für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (MDVS) e. V. PD Dr. phil. habil. Baldur Neuber, Friedrich-Schiller-Univerisät Jena 1. Vorsitzender
Berufsvereinigung Mündliche Kommunikation Nordrhein-Westfalen als Landesverband der DGSS e. V. Annette Mönnich, Ruhr-Universität Bochum 1. Vorsitzende
Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) Prof. Dr. Eberhard Kruse, Georg-August-Universität Göttingen Präsident der Gesellschaft
Deutsche Gesellschaft für Sprach- und Stimmheilkunde e. V. - The German Speaking Society of Speech-, Language-, and Voice Pathology Prof. Dr. med. Rainer Schönweiler, Universität zu Lübeck Präsident der Gesellschaft
Berufsverband Sprechen und Kommunikation e. V. (Bundesländer Niedersachsen, Hessen, Hamburg und Bremen) Oliver Leibrecht, Marburg Vorstandsmitglied - für den Vorstand des BSK e. V.
Wissenschaftskommission der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) e. V. Prof. Dr. Christa Heilmann, Philipps-Universität Marburg Vorsitzende, gleichzeitig in ihrer Eigenschaft als Leiterin der Abteilung Sprechwissenschaft der Philipps-Universität Marburg
Berufsvereinigung der Sprecherzieher, der Sprechtherapeuten und Rhetorikdozenten (BVS) in Bayern, als Landersverband der DGSS e. V. Dr. Brigitte Teuchert, Regensburg Vorstandsmitglied - für den Vorstand der BVS
Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (dgs) e. V. Zustimmungserklärung durch die Veröffentlichung der Dokumente in ihrer Verbandszeitschrift (Lemke, S., Bielfeld, K., Voigt-Zimmermann, S.: Initiative Sprecherziehung im Lehramt. Die Sprachheilarbeit 2006; 2: 88-91)
Deutscher Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten (dbs) e. V.